Fleisch

Der kleine See, an dem die beiden jungen Männer ihren jüngst erworbenen, gebrauchten Campingwagen abstellten, war perfekt. Absolute Einsamkeit, keine Menschenseele, nur die Natur. Perfekt um ein paar Tage auszuspannen, ohne nervige Chefs, ohne die anstrengenden Familien. Es war noch früh im Jahr und die anderen Campingwagen auf dem etwas heruntergekommenen Gelände waren unbewohnt, sagte zumindest der alte, schrullige Platzwart. Martin und Willi freuten sich schon auf ausgiebiges Bier trinken, Grillen und ungestörtes Angeln am See.

Niemand wusste wo sie waren, die Handys hatten sie abgeschaltet. Während Martin in der Sonne saß und sein erstes Bier genoss hatte Willi den Grill angeheizt. Die Steaks hatten sie nicht weit von hier, bei dem etwas merkwürdigen Metzger in dem ausgestorben wirkenden Dorf gekauft. Sie sollen es genießen, es wäre etwas Besonderes, hatte der düster dreinblickende Schlachtermeister gemeint. In die abgelegene Einöde verirrten sich nur selten Touristen. Der unwirtliche Flecken wurde nur noch von wenigen Alten bewohnt. Selbst die Landwirte hatten ihre Betriebe aufgegeben und wanderten in bessere Gegenden ab. Es hätte daher auffallen müssen, wenn vor der Metzgerei das Schild zu lesen war: „Bestes Fleisch aus frischer Hausschlachtung“. Der Metzgermeister schloss den Laden, dann begab er sich in den Keller zum Kühlraum. Er hatte etwas vergessen.

Die steif gefrorene Hand trug immer noch den schönen goldenen Ring. Nur mit viel Mühe bekam er das Schmuckstück von der toten Hand gezogen. Den Ring ließ er in seiner Außentasche verschwinden, die tote Hand schob er wieder zurück in die Kühltruhe, zu den restlichen Teilen der unbekannten Frau. Danach wetzte er sein Schlachterbesteck für das Frischfleisch - am See! Willi und Martin ließen sich derweilen ihr Essen schmecken.